Gotthelffriedrichsgrund

2018 jährte sich die Ersterwähnung von Gotthelffriedrichsgrund als separate Siedlung auf Biebersteiner Flur zum 333. Mal.

vom Ortschronisten Achim Berger

Mit der Ersterwähnung eines Ortes wird historisch im Allgemeinen sein Alter definiert, was streng genommen nicht korrekt ist. Bei Gotthelffriedrichsgrund liegen Gründung – es wird um 1670 angegeben – und die Ersterwähnung in einer Erbverschreibungsurkunde von 1685 nahe beieinander. Für Bieberstein gibt es da schon größere Differenzen- erste Steinburg (castrum) um 1150 und erste urkundliche Erwähnung erst 1218.

Die Ersterwähnung von Gotthelffriedrichsgrund vor 333 Jahren in einem Gerichtsbuch von Nossen soll Anlass sein, die Gründung unseres Heimatortes etwas näher zu betrachten. Es war die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648), der in Kursachsen besonders von 1632  (Schlacht von Lützen) bis 1645 (Waffenstillstand von Kötzschenbroda) starke Verwüstungen mit hohen menschlichen und materiellen Verlusten hinterlassen hat. Die Zeit war vergleichbar mit der nach dem 2.Weltkrieg – eine verlustreiche Leidenszeit war vorbei und es galt, das Land wieder aufzubauen. In dieser Zeit kaufte Gotthelf Friedrich von Schönberg, der nach seinem Jurastudium in Leipzig und Tübingen am kurfürstlichen Hof in Dresden in den Staatsdienst eingetreten war, 1656 von seinem weitläufigen Verwandten Nicol von Schönberg das Rittergut Bieberstein. Dieser Kauf fiel zeitlich zusammen mit aussichtsreichen neuen Erzfunden besonders im Halsbrücker Revier (Halsbrücker Spat), was eine  günstige Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung in der Region war. Dazu kam, dass Kurfürst Johann Georg II. durch persönlichen Einsatz  die Wirtschaft in Sachsen insbesondere durch Wiederbelebung des Bergbaus wieder ankurbeln wollte. Durch die Nähe zum kurfürstlichen  Hof und dadurch, dass  sein älterer Bruder Caspar zu dieser Zeit Oberberghauptmann in Freiberg war, war Gotthelf Friedrich von Schönberg bestens über die günstigen bergbaulichen Aussichten in seinem Einflussbereich informiert. Infolge des Dreißigjährigen Krieges war insbesondere die arbeitsfähige männliche Bevölkerung zum Teil bis zur Hälfte dezimiert, ähnlich wie bei uns nach 1945. In dieser Situation war sicher in familiärer Abstimmung die Idee geboren worden, möglichst nahe an den ergiebigsten Erzfundorten Halsbrücke und auch Kleinvoigtsberg auf der eigenen Biebersteiner Flur eine Bergarbeitersiedlung zu gründen, um landlose Söhne anzulocken und damit Arbeiter für den ansässigen Bergbau zur Verfügung zu haben. Um 1670 stellte deshalb Gotthelf Friedrich von Schönberg ca. 15 Hektar Grund und Boden für das “neu angedachte Dorff Gotthelff Friedrichs Grundt, zum Niedertheil Bieberstein gehörig“ zur Verfügung (Anm. s.u.).   Die vorgesehene Bebauungsfläche lag an der südlichen Grenze der Biebersteiner zur Krummenhennersdorfer Flur und erstreckte sich auf etwa einem Kilometer vom Waldrand im Osten bis zur Hohentanner Flur im Westen. Der Ort war anfangs eine reine Bergarbeitersiedlung. Er war mit dieser Lage auch gleichzeitig ein menschlicher Schutzwall für die außer Sicht von Bieberstein liegenden Fluren des Rittergutes, da auch nach dem Dreißigjährigen Krieg Plünderungen auf herrschaftlichen Feldern aus der Not heraus nicht selten waren. Für die  anfänglich etwa 15 Häuser standen abzüglich kommunaler Flächen und der Flächen für Gebäude, Hof und Garten etwa zwei Scheffel (ca. ein halber Hektar) als reine landwirtschaftliche Nutzfläche zur Verfügung. Diese wurde für den Anbau von Getreide, Flachs, Rüben und den im Erzgebirge gerade aufkommenden Kartoffelanbau für die eigene Ernährung und als Viehfutter genutzt. Als Haustiere wurden einige Ziegen, ein Schwein und verschiedene Geflügel gehalten. Die Inhaber dieser Miniaturlandwirtschaften werden in alten Dokumenten häufig auch als Gartennahrungsbesitzer bezeichnet. Einige dieser  Häuslerwirtschaften waren in dieser Form auch nach 1945 noch anzutreffen.

Postkarte 1914 mit Gasthaus „Zur Alm“

Die Bebauung des Ortes erfolgte sehr wahrscheinlich vom Waldrand her („nach dem schwarzen Busche“), also vom Unterdorf ausgehend bergauf gen Westen bis zur Hohentanner Flur. Diese Vermutung beruht darauf, dass am Waldrand entlang der Biebersteiner Weg verlief, der das Rittergut Bieberstein mit Krummenhennersdorf verband, das mit seiner Gründung zu einem wesentlichen Teil zur Herrschaft Bieberstein gehörte. Dieser Weg, der auch ein Stück des sehr alten Pilgerweges von Dippoldiswalde zum Kloster Altzella war, verlässt Krummenhennersdorf am früheren Biebersteiner Vorwerk oberhalb der Beckenmühle. Zur Gründungszeit von Gotthelffriedrichsgrund muss wohl auch schon eine ebenfalls an diesem Wege gelegene herrschaftliche Ziegelei mit Lehmgrube bestanden haben, aus der der jetzige Ziegelteich entstanden ist. Bereits in der erwähnten Erbverschreibung wurden das „ von der Hochadeligen Herrschafft versprochene Holz, zum Aufbau des Wohnhaußes, als auch sämtliche Ziegel zum Tache, ohne Entgelt,“ zugesagt. 1853 taucht im Kirchenbuch von Bieberstein ein Johann Traugott Johne auf, der Pächter des herrschaftlichen Gartens in Gotthelffriedrichsgrund  und Ziegeleipächter war. Die Bebauung dürfte etwa 1695 abgeschlossen worden sein, da bis zu diesem Zeitpunkt im Gerichtsbuch nur Verkäufe von Feldgrundstücken verzeichnet sind und danach nur noch Übertragungen von schon vorhandenen Häusern mit Feld registriert sind. Die Neudorfer Straße, die jetzt Hauptverbindung zwischen Gotthelffriedrichsgrund und Bieberstein ist, entstand erst mit der Gründung des Ortes. Die Bergleute, die neben der Selbstversorgung mit Nahrung auch Geld für alle anderen Ausgaben wie Hausfinanzierung, Kleidung, Gerätschaften für Haus, Hof und Feld und ab und zu auch mal für den Besuch der Schankwirtschaft verdienen mussten, erreichten ihre Arbeitsstätten z.B. über den Häuersteg nach Halsbrücke, den ich als Kind  von den Besuchsgängen als kürzesten Weg zu meiner Tante zum Isaak in  Rothenfurt noch kenne.

Foto: Gasthaus „Zur Ziegelscheune“ – Abriss ca. 1940

Die Berufe Berg- und Hüttenarbeiter dominierten lange Zeit in Gotthelffriedrichsgrund. Auch in den Kirchenbüchern kommen im Zeitraum von 1840 bis 1870 die Berufe Bergmann, Bergzimmerling, Bergmaurer, Bergschmied und Hüttenarbeiter mit Abstand noch am häufigsten vor. Andere Berufe wie Schneider, Krämer, Schuhmacher u.ä. sind eher die Ausnahme oder fehlen ganz. Ein Schankwirt ist seit dieser Zeit bis in die 1950er Jahre aber ständig nachweisbar. Auch Tagelöhner auf dem Rittergut in Bieberstein kommen kaum vor. Diese kamen offenbar vorrangig aus Bieberstein und Burkersdorf.  Wohl werden aber die Frauen von Gotthelfriedrichsgrund besonders im Sommer auf den unmittelbar angrenzenden Rittergutsfeldern tätig gewesen sein. Entsprechende unentgeltliche Dienste waren in den ersten Erbkäufen vom Grundherrn noch urkundlich festgelegt, wie z. B.  „alljährl. Zwey Korn schneide Tage, Einen Hautag,  Einen Flachßtag, Zween Rechtage und zween Zechtage“. Letztere sind sicher keine Tage beim Schankwirt gewesen. Dazu kamen noch „das gewöhnliche Opffergelt und Gebührnüße“ an den Geistlichen von Bieberstein und Dienste an den kirchlichen Gebäuden. Trotzdem waren auch die ersten Einwohner von Gotthelfriedrichsgrund keine Leibeigenen, sondern freie Bergleute, wie es eben von Anfang an im Freiberger Bergbaurevier verbrieft war. Das hat offenbar zu einem stolzen Selbstbewusstsein der Einwohner geführt, wie es auch heute noch in dem kleinen Ort anzutreffen ist. Obwohl die Erbverschreibungen bzw. Erbkäufe regelten, dass der Besitz mit allen Pflichten und Rechten an direkte Nachkommen zu vererben ist, kommen heute im Ort keine Familiennahmen aus der Gründerzeit mehr vor. In einer Flurkarte zum Wasserleitungsbau von 1874 findet man aber noch die Namen Böhme und Borrmann von den  ersten Siedlern. Mit der zunehmenden Mobilität durch die Eisenbahn und später dem Auto trat dann auch in den Dörfern eine Vermischung der Bevölkerung ein.

Die anfänglich vom Bergbau geprägte Berufsstruktur hat sich um 1900 weitestgehend verändert, als der Bergbau im Freiberger Revier immer weniger ertragreich war bzw. durch zunehmende billige Importe ein Verfall des Silberpreises eintrat. Das führte schließlich 1913 zu Schließung der letzten staatlichen Grube im Revier. Inzwischen hatten sich im Oberdorf von Gotthelffriedrichsgrund einige wirtschaftlich selbst tragende Bauernhöfe durch Zukauf oder Pacht von Feldern besonders auf Fluren von Krummenhennersdorf und Hohentanne herausgebildet. Ein anderer Teil der Männer fand Arbeit in den neu gegründeten metallverarbeitenden Firmen in Burkersdorf ( 1920 Max Frenzel, 1932 Rudolf Illgen) und schon früher im wesentlich älteren Hammer. Auch kam es ähnlich wie heute im Osten Deutschlands wegen fehlender Arbeit zu Abwanderungen (Einwohnerzahl 1871: 149 im Vergleich 1910: 94).

Foto: letztes Stroh-gedecktes Gebäude im Neudorf (Schubert) – Zeitpunkt unbekannt

Eine Besonderheit weist die kleine Ansiedlung auch noch auf. Sie ist eine Art Dreiländereck. Trotz Gründung von größeren Gemeinden 1994 tummeln sich hier immer noch Häuser, die zu den drei Gemeinden Krummenhennersdorf/Halsbrücke, Hohentanne/Großschirma und eben hauptsächlich als Gotthelfriedrichsgrund zu Reinsberg gehören. Etwas kurios ist, dass mit den Hohentanner Häusern seit 2003 eine unmittelbare Stadtberührung entstanden ist.  Dem Zusammengehörigkeitsgefühl  aller Bewohner der Ansiedlung tut das aber keinen Abbruch. Bis 1952 verlief direkt am südlichen Dorfrand die Grenze zwischen den Kreisen Freiberg und Meissen, zu dem wir bis dahin gehörten. Nicht verändert haben sich die Flurgrenzen von Gotthelffriedrichsgrund, was ein Vergleich des aktuellen Luftbildes aus dem Internet mit der ältesten noch vorhandenen Flurkarte von 1850 zeigt. Auch die Flächenausdehnung von 15 Hektar ist noch die gleiche wie die zur Gründerzeit, was sich zu Bieberstein (ca. 400 ha) und Burkersdorf (ca.240 ha) natürlich bescheiden ausnimmt. Dieses wird aber heute durch eine überproportionale aktive Mitarbeit der Einwohner am gesellschaftlichen Leben in der ehemaligen Gemeinde Bieberstein wieder wettgemacht. Auch in dem kleinen Ort selbst wird jedes Jahr mit alt und jung ein gemütliches Dorffest jeweils auf einem anderen Anwesen begangen.
2018 feiern die Biebersteiner und Gotthelffriedrichsgrunder gemeinsam die verschiedenen Jubiläen in einem gemeinsamen großen Fest.

Anm.: Die Zitate im Beitrag entstammen der Erbverschreibung für den ersten Einwohner „Michael Köhler, uff Gotthelff Friedrichs-Grundt“ vom 29. April 1685 (s. Abbildung).  Für die Übertragung von zwei mehrseitigen alten Urkunden in lateinische Schrift gilt ein besonderer Dank der ehemaligen Einwohnerin von Gotthelffriedrichsgrund, Frau Elfriede geb. Schubert.

Achim Berger

Bildnachweis: Vorlage und Repro: Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden;                12613 Gerichtsbücher, GB Amtsgericht Nossen Nr. 35/1, Bl.1